Das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger verweist auf tiefe Probleme in unserer Gesellschaft

Es war das Thema der letzten Tage. Mittlerweile ist von vielen Künstlern oder Politikern bekannt, dass sie schwul bzw. lesbisch sind, nun hat sich auch ein Ex-Nationalspieler in diese Riege eingereiht. Lobenswert ist das überwiegend positive Echo der Presse, stellvertretend hierfür titelte SPIEGEL Online am 10.01.2014: „Thomas Hitzlsperger hat seine Sexualität öffentlich gemacht, der mutige Schritt könnte das Fußball-Geschäft verändern.“ Fragt man allerdings weiter, warum es offenkundig für viele Menschen immer noch schwierig ist, sich offen zu ihrer sexuellen Orientierung zu bekennen (wer glaubt denn ernsthaft, dass es unter Fußballern nicht mehr Schwule gibt als nur einen?): Dann stößt man direkt auf den Umstand, dass es auch fast 70 Jahren nach dem Untergang des Nationalsozialismus immer noch viele Menschen in Deutschland gibt, die denjenigen des Leben schwer machen, die anders sind als die angebliche Norm.

Fragt man die Menschen auf der Straße, ob sie etwas gegen Homosexuelle haben, antworten mittlerweile die meisten, dass doch jeder so leben kann, wie er möchte. Bei näherem Nachfragen kommt allerdings zum Vorschein, dass die alten Vorurteile immer noch weiterleben, etwa bei folgenden Fragen:

  • Was halten Sie davon, wenn homosexuelle Paare Kinder adoptieren können?
  • Könnten Sie sich vorstellen, dass ihr eigenes Kind schwul oder lesbisch ist?
  • Was würden Sie davon halten, wenn der Klassenlehrer Ihres Kindes schwul wäre?

Bei den Antworten auf solche Fragen wir klar, dass im Denken eines großen Teiles der Menschen Homosexuelle zwar mittlerweile geduldet werden (wohl auch, weil es mittlerweile nicht mehr angebracht erscheint, etwas anderes zu sagen). Aber sie werden deshalb noch lange nicht als gleichberechtigte Menschen behandelt.

Diese anscheinend tief verwurzelten Ängste und Vorurteile vieler Menschen in unserem Lande gibt es nicht nur gegenüber Homosexuellen, sondern im Prinzip gegenüber allen, die anders sind als der normale deutsche Staatsbürger. An erster Stelle wären hier die vielen Menschen in Deutschland zu nennen, deren Wurzeln im Ausland liegen. Wobei an den Stammtischen der Kneipen durchaus Unterschiede gemacht werden: Holländer, Franzosen oder Engländer, die sind ja noch ganz OK. Kommen die Menschen weiter aus dem Süden – etwa aus Spanien, Italien oder Portugal – wird es schon schwieriger. Menschen aus dem Osten (Polen, Russen, Serben …) kann man kaum trauen. Türken, Araber oder gar Afrikaner gehören nach der Logik der Stammtische einfach nicht in unser Land.

Was an diesen Vorurteilen auffällt: Je weiter Menschen mit Ihrem Verhalten, Ihrem Aussehen, Ihrer Kultur von dem entfernt sind, was der „Normalbürger“ als typisch deutsch hält, um so schlimmer werden die Vorurteile, um so deutlicher tritt der latent vorhandene Ausländerhass bzw. der Hass gegenüber allem, was „anders“, ist zu Tage. Diese Art von Hass trifft nicht nur Homosexuelle oder Ausländer, auch „normale“ Deutsche, die sich deutlich anders verhalten oder kleiden als die Norm, können leicht Opfer dieser so weit verbreiteten Ängste und dem Hass gegenüber allem „Anderen“ werden.

Beängstigend ist in diesem Zusammenhang, dass ein Politiker wie Seehofer (CSU) versucht, mit seiner Kampagne gegen EU-Bürger aus Bulgarien oder Rumänien, Stimmen bei den anstehenden Wahlen in Bayern zu „fangen“. Noch beängstigender: Die NPD verteilte jetzt in Bretten einen Flyer mit dem Titel: „Sicher leben – Asylflut stoppen“. Manche Argumente in diesem Flyer erinnern fatal an die Argumentation von Seehofer, z.B. dieses Zitat aus dem NPD-Flyer: „Die meisten Asylbewerber sind keine politisch Verfolgten, sondern Wirtschaftsflüchtlinge, die es sich auf Steuerzahlers Kosten in der sozialen Hängematte gemütlich machen wollen.“ Natürlich wollen weder Seehofer noch die NPD oder andere Neonazis den Menschen in Deutschland, die hier – zumeist aufgrund ihrer sozialen Problem – mit Ihrem Leben nicht zufrieden sind, helfen. Aber beide versuchen, die Ängste und Vorurteile vieler Menschen einfach für ihre Zwecke auszunutzen: Seehofer, um bei seiner nächsten Wahl gut abzuschneiden, die Neonazis, um ein neues „tausendjähriges“ Reich aufzubauen.

Hierin steckt eine große Aufgabe für uns alle, ob wir nun zur LINKEN gehören oder einfach nur Demokraten sind oder einfach Menschen, die für eine Welt eintreten wollen, in der jeder Mensch gleich viel wert ist; egal welcher sexuellen Orientierung, egal welcher Nationalität, egal welcher Hautfarbe, egal mit welchem Aussehen … Immer dann, wenn in unserem Umfeld Debatten auftauchen, in denen einige (meist ja ziemlich lautstark) den Hass gegenüber irgendwelchen „Anderen“ schüren wollen, müssen wir den Mund aufmachen. Wenn wir aufhören zu schweigen, sondern mit guten Argumenten (die wir ja haben) ruhig aber bestimmt gegen solche Meinungen auftreten, dann werden wir es erreichen, dass genau diese Ängste und Vorteile gegenüber allem „Anderen“ nach und nach weniger werden. Umso mehr wird dadurch der Boden für Politiker wie Seehofer und erst recht den Neonazis entzogen.

Also: Immer wenn es darum geht, wir machen unseren Mund auf: Das wünscht sich

Euer Detlef Beune

 


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