Doping im Job

Es ging durch die Medien: Nach einer neuen Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) ist der Anteil der Deutschen, die zu Medikamenten greifen, um ihre Leistungsfähigkeit im Job zu steigern, in den letzten Jahren stark gestiegen:

Knapp drei Millionen Deutsche haben verschreibungspflichtige Medikamente genutzt, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein oder um Stress abzubauen. Das geht aus dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport „Update: Doping am Arbeitsplatz“ hervor. Ein zentrales Ergebnis: Die Anzahl der Arbeitnehmer, die entsprechende Substanzen schon zum Doping missbraucht haben, ist in den vergangenen sechs Jahren stark gestiegen – von 4,7 auf 6,7 Prozent, aus einer Pressemitteilung der DAK zu dieser Studien.

Spontan könnte man der Meinung sein, dass es sich hierbei hauptsächlich um Topmanager oder höhere Angestellte handelt, die nach allgemeiner Volksmeinung unter dem meisten Stress leiden. Allerdings ist nach der DAK-Studie genau das Gegenteil der Fall: Entgegen der landläufigen Meinung sind es nicht primär Top-Manager oder Kreative, die sich mit Medikamenten zu Höchstleistungen pushen wollen. Die Ergebnisse des DAK-Gesundheitsreports zeigen sogar den umgekehrten Zusammengang: Je unsicherer der Arbeitsplatz und je einfacher die Arbeit selbst, desto höher ist das Risiko für Hirndoping. Eine Rolle spielt das Tätigkeitsniveau der Arbeit: Beschäftigte mit einer einfachen Tätigkeit haben zu 8,5 Prozent bereits Medikamente zur Leistungssteigerung oder Stimmungsverbesserung eingenommen. Bei Gelernten oder Qualifizierten sind es nur 6,7 Prozent. Bei den hochqualifizierten Beschäftigten waren es 5,1 Prozent.

Welche Mittel werden zum „Hirndoping“ genommen und woher beziehen die Arbeitnehmer diese? Nochmals aus dieser Studie: Insgesamt werden zum Hirndoping am häufigsten Medikamente gegen Angst, Nervosität und Unruhe (60,6 Prozent) sowie Medikamente gegen Depressionen (34 Prozent) eingenommen. Etwa jeder achte Doper schluckt Tabletten gegen starke Tagesmüdigkeit. 11,1 Prozent nehmen Betablocker. Mehr als jeder Zweite bekommt für die entsprechenden Medikamente ein Rezept vom Arzt. Jeder Siebte erhält Tabletten von Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen, jeder Zwölfte bestellt sie ohne Rezept im Internet.

Die DAK weist in ihrer Studie zurecht darauf hin, dass die Einnahme solcher Medikamente mit einem unkalkulierbaren Gesundheitsrisiko verbunden ist. Ich gehe allerdings auch davon aus, dass sehr Vielen, die zu solchen Mitteln greifen, dieses Gesundheitsrisiko durchaus befusst ist. Viele greifen dann trotzdem zu solchen Mitteln, weil der tägliche Leidensdruck am Arbeitsplatz ihnen größer erscheint als die Gefahren, die durch die Einnahme dieser Medikamente drohen. Die DAK weißt weiterhin darauf hin, dass es zu den veröffentlichten Zahlen auch noch eine größere Dunkelziffer gibt. Weiterhin gehe ich davon aus, dass es noch einen sehr großen Anteil unter den Arbeitnehmer in Deutschland gibt, die unter ganz ähnlichen Problemen am Arbeitsplatz leiden, ohne deshalb zu Medikamenten zu greifen.

Die zwei Hauptprobleme, die Menschen heute in ihrem Job haben, scheinen zu sein: Die Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren und die Angst, den Ihnen gestellten Aufgaben nicht gewachsen zu sein. Diese Ängste kommen nicht von ungefähr: Die Bundesregierungen mindestens der letzten 20 Jahre haben sehr viel dazu beigetragen. Der Kündigungsschutz wurde immer weiter ausgehöhlt. Bei einem neuen Job ist mittlerweile eine Probezeit von mindestens einem Jahr durchaus üblich. Viele bekommen gar keinen festen Arbeitsvertrag mehr, sondern nur zeitlich befristet. Immer mehr Menschen arbeiten in sogenannten prekären Beschäftigungs Verhältnissen, mit zumeist miserablem Gehalt und der täglichen Angst davor, am nächsten Tag gefeuert zu werden. Hinzu kommt, dass dem Arbeitgeber in Deutschland ein sogenanntes Direktionsrecht zugestanden wird, das heißt: In den meisten Fällen hat der Arbeitgeber das Recht, dem Arbeitnehmer beliebige Aufgaben zuzuteilen oder zu entziehen, gerade wie es ihm beliebt.

Klar ist: Mit der täglichen Angst um den Arbeitsplatz im Nacken, trauen sich viele gar nicht mehr, einmal zu sagen: Hallo Chef, das alles wird mir jetzt zu viel, das schaffe ich gar nicht alles. Insbesondere natürlich nicht in Betrieben, in denen Gewerkschaften überhaupt keinen Einfluss haben, in denen es auch keinen Betriebsrat gibt. Für Menschen, die in solchen Betrieben arbeiten (und das werden immer mehr), gilt: Die Demokratie hört in dem Moment auf, in dem sie den Betrieb betreten, dann gilt nur noch die Diktatur des Arbeitgebers. Und im Hintergrund spielt dann immer die Angst mit: Wenn ich etwas sage, verliere ich meinen Job!

Hinter den Ergebnissen der Studien der DAK steckt also letztlich ein großes Problem in unserer Gesellschaft. In meinen Augen ist hierdurch bewiesen: Eine Politik, die die Rechte und Möglichkeiten der Unternehmen immer weiter ausweitet und gleichzeitig die Rechte der Arbeitnehmer immer weiter zurückschraubt und ihre Arbeitsplätze immer unsicherer macht, ist nicht einfach nur sozial ungerecht. Sie macht auch immer mehr Menschen krank! Nach der DAK-Studie gehen mittlerweile 17 Prozent der Krankmeldungen auf das Konto psychischer Erkrankungen. Es wird also allerhöchste Zeit, dass sich endlich etwas ändert, denn auch Arbeitnehmer sind Menschen.

Das meint

Euer Detlef Beune

Hier noch zwei Links:

DAK-Studie

Widipedia zum Direktionsrecht


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