Die Lüge von der Chancengleichheit

so die Titelgeschichte des jüngsten Spiegel. Wer hierzulande arm geboren ist, wird aller Voraussicht nach arm bleiben. Häufiger als in vergleichbaren Industriestaaten hängt die Frage, welche Perspektive ein Kind hat, von dessen Herkunft ab.

Der Skandal dabei: Deutschland ist bekanntermaßen eines der reichsten Länder der Welt. In viele Statistiken steht aber unser Land bei der Chancengleichheit ganz weit unten. So liegt der Prozentsatz der 25- bis 64-Jährigen, deren Bildungsabschluss höher ist als der ihrer Eltern, nur bei 24 %. Selbst Italien steht hier besser da. An der Spitze stehen Südkorea und Finnland, wo dieser Anteil bei über 40 % liegt.

Der Spiegel vertritt in diesem Artikel die Meinung, dass es nicht alleine am mangelnden Geld für Kinder und Jugendliche liegt, sondern sehr stark auch daran, wofür dieses Geld ausgegeben wird. Ein Beispiel: Eigentlich sollte es doch klar sein, dass an den Schulen mit Mittagessen alle Kinder eine warme Mahlzeit bekommen, unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Was einfach sein könnte, machte die ehemalige Familienministerin Ursula von der Leyen dann kompliziert. Sie brachte ein „Bildungs- und Teilhabepaket“ auf den Weg. Für betroffene Eltern bedeutet dieses Paket, dass sie sich durch komplizierte Formulare quälen müssen, um ihren Kindern ein Mittagessen in der Schule zu sichern.

Gleichzeitig brachte dieses Paket einen enormen Verwaltungsaufwand mit sich: Der Deutsche Kinderschutzbund schätzt, dass in Jobcentern und Sozialämtern etwa 10.000 Vollzeitkräfte damit beschäftigt sind, das Bildungs- und Teilhabepaket zu verwalten. Die dadurch verursachten Personalkosten lägen bei etwa 850 Millionen Euro im Jahr. Natürlich kann man darüber streiten, ob das reiche Deutschland tatsächlich genug in die Zukunft unserer Kinder investiert. Wenn dann aber noch dazu vieles von dem Geld in sinnlose Bürokratie fließt, dann kann es einen nicht mehr wundern, das Deutschland im Vergleich bei der Chancengleichheit so weit hinten liegt.

Kinder, deren Eltern Leistungen nach dem SGB-II beziehen, haben es sowieso schon viel schwerer als andere. Die Eltern können sich einfach vieles von dem nicht leisten, was für eine vernünftige Kindererziehung notwendig wäre. Um so wichtiger ist es dann, dass diese Ungleichbehandlung zumindest in den Kitas und Schulen aufhört. Am Beispiel der Kitas lässt sich erkennen, dass dies aber nicht der Fall ist.

Als Beispiel nennt der Spiegel die Kindertagesstätte Villa Ritz in Potsdam: Es gibt Klavier-, Geigen und Gitarenunterricht, Karate und Ballett, Reiten und Tanzen, Exkursionen ins Naturkundemuseum und sogar ein kleines Schwimmbad mit Sauna. In der Küche der Luxus-Kita wird dreimal täglich frisches Essen zubereitet, ausschließlich Bio- und Vollwertkost. Um eine Gruppe aus maximal 13 Kindern kümmern sich zwei Erzieher und zwei weitere Lehrkräfte.

Allerdings können es sich „normale“ Eltern gar nicht leisten, ihre Kinder in diese private Kita zu schicken: Das kostet nämlich mindestens tausend Euro im Monat. Ganz anders sehen die Kitas in sozialen Brennpunkten aus, der Spiegel bringt hier das Beispiel der Kita Kinderland, ebenfalls in Potsdam: Ein Schwimmbad gibt es hier nicht. Das Gebäude müsste dringend saniert werden. Der Linoleumboden ist durchgetreten, an einigen Fensterrrahmen bröckelt der Kitt. Auf dem Spielplatz im Garten stehen 20 Jahre alte Klettergerüste. Es gibt auch keinen Geigenunterricht und nur selten Exkursionen, denn das Geld ist knapp. Das Land Brandenburg stellt für Instrumente, Ausflüge, Bücher, Stifte und Spielzeug pro Kind insgesamt 35 Euro zur Verfügung, pro Jahr. Das macht 2,92 Euro im Monat.

Eines dürfte klar sein: Ein Staat, der es schon in den Kitas zulässt, dass Kinder dermaßen ungleich behandelt werden, darf sich nicht wundern, wenn es in unserem Lande keine Chancengleichheit gibt. Die Anzahl der Kinder pro Betreuer ist in den normalen Kitas in den letzten Jahren tendenziell weiter gestiegen. Z.T. auch, weil die Eltern ein Anrecht bekamen, dass sie ihre Kinder schon früher in eine Kita schicken durften. Was sich zunächst gut anhörte, wurde vieler Orts zum Bumerang: Um diese Verpflichtung einhalten zu können, sahen sich viele Kitas gezwungen, die Anzahl der Kinder pro Betreuer anzuheben. Auch vor diesem Hintergrund sollte man die gegenwärtigen Streiks in den Kitas sehen.

Um diese Situation zu ändern, bedarf es keiner großen Wunder, sondern nur des politischen Willens. Den folgenden Sätzen aus dem Spiegel-Artikel kann ich nur zustimmen: Ein vorsorgender Sozialstaat würde seine Kraft darauf konzentrieren, Kinder möglichst früh zu fördern, um ihre Erfolgschancen zu verbessern. Er würde sehr viel mehr Geld als heute für Schwangerenberatungsstellen, Kindergärten, Schulen, Schwimmbäder, Sportvereine und Jugendklubs ausgeben und so eine staatliche Infrastruktur schaffen, von der alle profitieren.

Notwendig wäre also eine große konzertierte Aktion vom Bund, den Bundesländern und den Kommunen, um Veränderungen wie oben beschrieben in die Wege zu leiten. Allerdings, nach allen Erfahrungen der letzten Jahre, darf am Zustandekommen gezweifelt werden.

Euer Detlef Beune

Hinweis: Alle Zitate dieses Kommentars stammen aus der Titel-Geschichte des Spiegel vom 09.05.2015


Ein Kommentar zu „Die Lüge von der Chancengleichheit”

  • Lars Benke sagt:

    Noch einige Beispiele für Chancenungleichheit in der Schule:

    1. Es wird vorrausgesetzt daß man einen PC für Hausarbeiten hat.
    2. In der Schule wird Microsoft Software (Office bzw. Windows) eingesetzt, obwohl es für Lernzwecke völlig ausreichende „Freie“ Software gibt (GNU, Freeoffice etc.). Auch sollte es eine Selbstverständlichkeit sein dem Megakonzern Microsoft nicht noch mehr Kunden über die Schule/Schüler zuzuspielen!
    3. Qualitativ hochwertige Ausdrucke sind für gute Zensuren sicher kein Nachteil!

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