Der Terroranschlag in der Türkei

Der Terroranschlag in der Türkei

Nach dem Anschlag vor wenigen Tagen in der Stadt Suruc im Süden der Türkei, bei dem 32 Menschen ums Leben kamen, schickte mir ein aus der Türkei stammender Bekannter folgenden Bericht:

Dieses Lächeln riss die Bombe aus dem Leben

SURUC (TÜRKEI) – Bei dem Anschlag auf ein Kulturzentrum im Süden der Türkei starben gestern mindestens 32 Menschen. Die Opfer wollten in Kobane beim Wiederaufbau helfen. So zum Beispiel die 20-jährige Studentin Hatice.

 

Hatice Ezgi Sadet wollte helfen. In den Semesterferien reiste die 20-jährige Kurdin, die türkischen Medienberichten zufolge in Istanbul Kunstgeschichte studierte, zusammen mit rund 300 anderen Aktivisten der Vereinigung sozialistischer Jugendorganisationen (SGDF) in den Süden der Türkei. Von dort sollte es ins wenige Kilometer entfernte Kobane gehen, der kurdischen Enklave im Norden Syriens, die bei den Kämpfen zwischen der Terrormiliz Islamischer Staat und den kurdischen Verteidigungseinheiten im vergangenen Jahr fast vollständig zerstört wurde.

Mindestens 32 Tote

Hatice und ihre Kollegen wollten die Bewohner beim Wiederaufbau unterstützen und Hilfsgüter in die zerstörte Stadt bringen. Die Studentin setzte sich zudem für die Rechte der Frauen ein. Nun ist die junge Aktivistin tot. Beim Anschlag auf ein Kulturzentrum in Suruc kam Hatice ums Leben. Mit ihr starben mindestens 31 weitere Frauen und Männer, rund 100 Personen wurden verletzt.

Die türkische AKP-Regierung und Präsident Erdogan machen den Islamischen Staat (IS) für den Anschlag verantwortlich. Bei vielen Demonstrationen seit diesem Anschlag in der Türkei wurden von den TeilnehmerInnen aber auch immer wieder diese Regierung und Erdogan für die Anschläge zumindest mit verantwortlich gemacht. Ganz ähnliche Thesen werden auch in einem Artikel von SPIEGEL ONLINE am 21.07.2015 aufgestellt:

Das Attentat ist der jüngste und deutlichste Hinweis dafür, dass die Syrien-Politik der türkischen Regierung gescheitert ist. Ankara hatte das Erstarken des IS in Syrien lange geduldet. Kämpfer konnten weitgehend unbehelligt über die Türkei in das Bürgerkriegsland gelangen, sogar Erdöl sollen die Dschihadisten in der Türkei verkauft haben. Gleichzeitig stoppten die Sicherheitskräfte Kurden und andere Freiwillige, die gegen den IS in Syrien in den Kampf ziehen wollten. Kurdische Flüchtlinge aus Syrien wurden tagelang an der Grenze festgehalten.

Und weiter heißt es in dem Artikel: Die Türkei fürchtet, dass dort die Keimzelle eines unabhängigen kurdischen Staates entstehen könnte, der auch den Kurden im eigenen Land neue Hoffnung auf Unabhängigkeit geben könnte. Die kaum verhohlene Botschaft der türkischen Regierung lautete bis zu diesem Montag: Mit einem IS-Kalifat auf der anderen Seite der Grenze können wir leben, mit einem kurdischen Staat nicht.

In einem weiteren Artikel von SPIEGEL ONLINE (22.07.2015) heißt es: Viele Kurden in der Türkei werfen Präsident Recep Tayyip Erdogan und seiner AK-Partei vor, die radikalislamische IS-Miliz im Kampf gegen die Kurden im Nachbarland Syrien zu unterstützen. Die Regierung in Ankara bestreitet das.

Nach allem, was bekannt ist, scheint klar zu sein: Die AKP und Erdogan tragen an diesem Anschlag zumindest eine Mitschuld, da Mitglieder des IS die ganze Zeit nahezu unbehelligt die Grenze zwischen der Türkei und Syrien in beiden Richtungen passieren durften. Inwieweit die Türkei auch direkt den IS im Kampf gegen die Kurden in Syrien unterstützten, ist schwer aufzuklären. Dies wird auch immer wieder durch die mit vielerlei Zensurmaßnahmen betriebene Informationspolitik der türkischen Regierung erschwert. Auch direkt nach dem Anschlag in Suruc schlugen die Zensurbehörden wieder zu, wie golem.de am 22.07.2015 berichtete:

Türkei sperrt Twitter nach IS-Anschlag in Suruc

Wieder einmal hat die türkische Regierung Twitter blockieren lassen. Diesmal ist der Anlass der IS-Anschlag im türkischen Suruc.

Auch wenn der Twitter-Zugang nach mehrstündiger Sperre von einem Gericht wieder freigegeben wurde, die Informationspolitik der türkischen Regierung wird durch solche Maßnahmen noch unglaubwürdiger. Es ist zu befürchten, dass bei der Untersuchung des Anschlages in Suruc die türkische Bevölkerung nicht die ganze Wahrheit erfahren soll. Zunächst hieß es, eine junge Selbsmordattentäterin sei für den Anschlag verantwortlich, nunmehr soll es ein 20-jähriger Türke gewesen sein, der sich zuvor längere Zeit in Syrien aufgehalten habe. Nur: So ein Anschlag wird in den wenigsten Fällen von einem Einzeltäter ausgeführt. Zumeist ist so etwas von langer Hand geplant. Und: Wer bei dieser Planung alles seine Finger im Spiel gehabt hat, das ist doch die interessante Frage. Geht es nach Erdogan, wird in jedem Fall eine Version als die endgültige herauskommen, bei der die türkische Regierung hierbei keinerlei Mitverantwortung trägt. Nur: Viele Menschen in der Türkei glauben das nicht, und ich übrigens auch nicht!

Glaubt man jünsten Meldungen aus der Türkei, denkt die türkische Regierung jetzt doch darüber nach, etwas gegen den IS zu unternehmen. So soll angeblich die 900 Kilometer lange Grenze mit Syrien mit einem Zahn gesichert werden. Auch denkt man darüber nach, der USA für ihre Luftangriffe gegen den IS einen türkischen Flughafen zur Verfügung zu stellen. Weiterhin werden türkische Luftschläge gegen den IS gemeldet. Ob die Türkei endlich einsieht, dass ihre bisherige Poliktik der Duldung des IS gescheitert ist (und das aus dem Hauptgrund, um den Kurden zu schaden)? Man wird sehen, was daraus wird. Eine Grenzsicherung kann übrigens zweierlei bedeuten. Es könnte den IS-Terroristen so erschwert werden, in die Türkei zu gelangen. Genauso gut könnte man damit aber auch wieder Kurden, die auf der Flucht vor dem IS sind, den Zugang zur Türkei verweigern.

Mein Fazit: Eine türkische Politik, die die Kurden als den Hauptfeind ansieht und deshalb mehr oder minder offen mit dem IS kollaboriert, wenn dieser die Kurden in Syrien und dem Irak verfolgt, ist scharf zu verurteilen. Diese klare Haltung sollte auch die Große Koalition in Berlin an den Tag legen, die sich ansonsten ja ohne Skrupel in die Politik anderer Staaten einmischt. Sinnvoller wäre in jedem Fall, die Verhandlungen zwischen der Türkei und den Kurden weiter voranzutreiben. Am besten sollte man auch einmal darüber nachdenken, etwa in Zusammenarbeit mit der UNO, ob es nicht langsam an der Zeit ist, den Kurden in der Region zwischen der Türkei, Syrien und dem Irak eine eigene Region zur Verfügung zu stellen. So könnte perspektivisch der von den Kurden schon so lange geforderte eigene Staat entstehen. Dies würde übrigens einen weiteren der großen Konflikte auf unserer Welt deutlich entschärfen.

Das meint jedenfalls

Euer Detlef Beune

Hier noch einige Links zum Thema:


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